Zoo-Kolumne: Orang Utans

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Einer meiner Wege führte mich zum Wohnort der spannenden Orang Utans. Ihre Behausung habe ich erst nach fast zwei Wochen entdeckt. Das Gehege befindet sich hinter dem Robbenschwimmbad am Ende des Zoos und war deshalb nicht gleich zu entdecken. Viele der älteren Leser erinnern sich, dass das Grab des Tut-Ench-Amun 1922 aus demselben Grund erst sehr spät von Howard Carter entdeckt wurde.

Ich war vom Gehege positiv überrascht. Es ist weitläufig, sodass die Orang Utans viel klettern und sich austoben konnten, wobei ich sie trotzdem noch beobachten konnte. Es ist an einem Hang gebaut und umgeben von natürlich wirkendem, hellen Felsgestein. Ich begab mich auf den abenteuerlichen Weg ins Unbekannte, den Weg ums Gehege, der kreisförmig abwärts durch einen dichten Dschungel aus Bambus führt, über eine steile Steintreppe und eine über einem Abgrund hängende Hängebrücke, die ganz schön ins Schwanken geriet, als ich sie wagemutig überquerte. Von der Buschbrücke können die Orang Utans hervorragend erforscht werden. Bisher konnte ich vier Menschenaffen entdecken. Meist liegen sie in der Gegend, ab und zu essen sie etwas. An einer Scheibe liegt oft ein roter Affe, der zwar die Besucher beobachtet, aber sich unter eine Papierplane oder Gestrüpp versteckt, weil er glaubt, so nicht gesehen zu werden. Dennoch können die Affenarten aus Borneo und Sumatra, beides indonesische Inseln, nicht als dumm oder faul bezeichnet werden. Im Gegenteil, sie können problemorientiert denken. Dennoch scheinen die Gesichtsausdrücke immer traurig zu wirken, so als ob sie einem tief in die Seele blicken. Auch der Affe unter der Plane brachte mich zum Nachdenken, wie Tiere in Gehegen, welche zum Glück längst nicht mehr mit den Käfigen vergangener Zeiten verglichen werden können, die Gefangenschaft erleben.

Die Waldmenschen

Wer sind überhaupt diese Menschenaffen, die dem Homo Sapiens gar nicht so unähnlich sind und ihn als nahen Verwandten erkennen können?

Der Name der Affen geht auf eine uralte Legende der indogenen Urbevölkerung einer längst vergessenen Vergangenheit zurück. Einst waren die Orang Utans Menschen wie Du und ich. Doch sie hatten einfach keinen Bock zu arbeiten und chillten lieber in den Bäumen. Zur Strafe verbannten die zornigen Götter die Menschen in den Wald und nahmen ihnen die menschliche Sprache. Aus ihnen wurden die „Waldmenschen“.

Die am Tag aktiven Affen bauen hoch oben in den Wipfeln der Bäume ihre Nester zum Schlafen. Mit 70 Kilogramm sind sie die größten Affen der Welt, die auf Bäumen wohnen. Ihre Kompatibilität mit den pflanzlichen Riesen zeigt auch die Länge ihrer Arme und Beine mit einer Spannweite von zwei Metern, die schon jedem aufgefallen sein dürfte.

Leider wissen wir wenig über ihr Verhalten in der Wildbahn, weil sie so hoch oben wohnen und Wissenschaftler beim Erforschen immer einen steifen Nacken bekommen. In Gefangenschaft sind sie eher langweilig und liegen nur herum. Inzwischen wissen wir aber um deren hervorragende Intelligenz, die ihren Verwandten aus Afrika in nichts nachsteht. Einer der Orang Utans wollte ein Tuch nach den menschlichen Besuchern werfen. Beim ersten Mal warf er das flatternde Tuch, das selbstverständlich direkt zu Boden fiel. Beim zweiten Mal knüllte er das Tuch zu einer Kugel, wodurch das Tuch fast die Besucher erreichen konnte. Orang Utans können folglich ein unbekanntes Problem erkennen, Verknüpfungen im Gehirn anstellen und das Problem auf andere Art lösen. Zudem haben sie eine Objektkenntnis, was bedeutet, dass sie erkennen, dass eine von hier nach dort verschobene Kiste dieselbe ist. Das kann kaum eine Tierart. Ich bin fasziniert von der Klugheit dieser Tiere. Auch andere Intelligenzbeweise liefern Orang Utans. Ein anderes Exempel ist ein in der Wildnis verfolgter Affe, der dafür sorgte, dass die von ihm benutzte Liane nicht zum Verfolger zurückschwingen konnte.

Um sie zu fördern und ihrer Langeweile vorzubeugen, müssen die Zooaffen ihr Futter selbst organisieren und bekommen es nicht einfach wie früher auf dem Silbertablett serviert. Ich habe mich auch schon über diverse Schubladen und andere Verstecke im Gehege gewundert und weiß nun, dass damit die Intelligenz der Tiere herausgefordert wird. Pfleger können außerdem ein Lied davon singen, was die Affen alles gebrauchen und umbauen können. Nicht umsonst heißt ein Sprichwort von Tierpflegern: „Halte einen Orang Utan und du brauchst vier Klempner“. Die fantastischen Tiere können einen Ast so lange bearbeiten, bis er in ein Schlüsselloch passt oder sich aus Latten von den Wänden Werkzeuge bauen, auch wenn sie in freier Wildbahn eher nicht zum Werkzeuggebrauch neigen, weil ihre Zähne und Hände für alles benutzt werden können. Orang Utans machen jedoch nur, wozu sie Lust haben, was sie meist aber nicht haben, was wir wiederum als Depression interpretieren. Tatsächlich ist es aber ein Ausdruck ihres Verhaltens, das perfekt an ihre natürliche Umgebung angepasst ist. Ihre Intelligenz lässt sich nur in dem Kontext ihres natürlichen Lebensraumes messen. Anders ausgedrückt: Ein am Boden sitzender Orang hat keinen Überblick auf das Geschehen, aber ein im Baum sitzender Orang kann ein Labyrinth sofort durchblicken, anders als Schimpansen, die mehrere Versuche benötigen, einen Irrgarten zu knacken.

Orang Utans sind übrigens sozial eingestellt, aber dennoch Einzelgänger, die am liebsten ihre Ruhe haben, aber auch mit anderen Menschenaffen interagieren und kommunizieren. Auch können sie manipulieren und sympathisieren. 

Das Todesurteil

Bedauerlicherweise ist der natürliche Lebensraum von Orang Utans enorm bedroht und deren Überleben in freier Wildbahn keinesfalls sicher, ihr Aussterben dagegen so gut wie garantiert, denn Tausende sterben, weil sie vom Menschen gejagt, gegessen oder für „witzige“ Boxkampfveranstaltungen gefangen werden. Ein großer Faktor ist die Abholzung des Regenwaldes für unseren Bedarf nach Palmöl für unsere Schokowaffeln. Nahezu 1,5 Millionen Tonnen dieses billigen Fettes werden gebraucht, um die Hälfte unserer Supermarktprodukte günstig zu produzieren, obwohl Alternativen möglich und wichtig wären, um eine der interessantesten Affenarten unseres Planeten zu retten. In den letzten 30 Jahren ist eine Fläche so groß wie Deutschland der Kettensäge zum Opfer gefallen; und mit Kettensäge meine ich natürlich Feuer und Rodung, denn diese Waldvernichtungsweise ist effektiv, schnell und billig. Dass die Brände in Indonesien in einem Jahr so viel Kohlenstoffdioxid in unsere Atmosphäre schleudern, wie die ganze Bundesrepublik in einem Jahr produziert, ist den Palmölproduzenten, aber auch -konsumenten egal, solange die Rendite stimmt. Dass es keine faire, nachhaltige Palmölproduktion gibt, hat der Film „Die grüne Lüge“ bewiesen. Unzählige Pflanzen und Tiere verbrennen in den Flammen, in den letzten 15 Jahren 150 000 Orang Utans auf Borneo, in Sumatra ist ihr Bestand zur Hälfte getötet worden.

Es mutet an, als ob die Orang Utans um die Zerstörung ihrer Heimat wissen und zukunftspessimistisch in Traurigkeit dreinblicken, weil sie ahnen, dass es für ihre leidenden Artgenossen in Freiheit kaum noch Hoffnung besteht.

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von Manuel Hartmann