Zoo-Kolumne: Rotluchse

Vor wenigen Wochen ist ein neuer Zoobewohner im Allwetterzoo in Münster eingezogen. Ein Paar Wochen zuvor begannen am Gehege der Alpenkrähe Bauarbeiten. Die Krähe, die sich durch ihren langen rot-orangenen Schnabel auszeichnet, musste in ein anderes, größeres Gehege umziehen.

Doch worum handelte es sich bei den Bauarbeiten? Sollte die Krähe ein größeres Gehege bekommen, um weiter fliegen zu können? Nein, anfängliche Vermutungen wurden zerschlagen, als ich das fertig Gehege sah. Es befindet sich neben dem Kamel-Wohnsitz, ist sehr auffällig und anziehend und machte mich neugierig. Von außen betrachtet besteht es aus einer Bambus- und Baumwand mit zahlreichen größeren und kleineren Fenstern. Es ist vergleichbar mit einem getarnten Haus zur Tierbeobachtung in den tiefen der nordischen oder auch tropischen Wälder. Als ich an das Gehege herantrat, ließ sich auf dem Schild lesen, welches Tier sich nun darin befindet: ein Rotluchs.

Willkommen lieber Rotluchs

Das Gehege ist in drei Bereiche geteilt, in einen sehr großen mit einem Flusslauf und zahlreichen Verstecken des Unterholzes. Die anderen beiden Bereiche sind etwa 1/3 kleiner und muten wie ein tiefer, dunkler Wald an, in dem sich der Besucher verlaufen hat. Außerdem befindet sich an der Rückwand ein Zugang für den Luchs, durch den er in weitere, dem Zoobesucher nicht zugängliche Bereiche laufen kann. Der Luchs, beziehungsweise beide Luchse, Männchen und Weibchen, saßen während meines Besuches jeweils für sich in den beiden kleineren Gehegen.

Das neue Gehege ist 400 qm groß und der erste Bauabschnitt eines größeren Zoo-Umbauplans, dessen Konzept es ist, für 100 Millionen Euro verschiedene Klimazonen zu errichten, in denen wenige Tierarten in weitläufigen Gehegen wohnen und sich in ihrem natürlichen Habitat befinden.

Luchs in Gefahr

Der Rotluchs ist also der erste neue Bewohner des neuen Zoos, den es in Zukunft zu bestaunen gibt. In Deutschland war der Eurasische Luchs ausgestorben, denn er wurde hemmungslos gejagt. Erst das Jagdverbot hat die schießwütige Jagdgemeinschaft dazu veranlassen müssen, das Blutvergießen an dem vermeintlichen bösen Schädling, von dem es 85 wieder ausgewilderte in Deutschland gibt, zu beenden. Dies ist ein Zeichen, dass erst ein Aufschrei in der Bevölkerung geschehen muss, damit in Deutschland überhaupt noch Tiere existieren dürfen. Der Fuchs steht übrigens als nächstes auf der Liste der auszurottenden Tiere.

Der Luchs galt früher als raffiniert, aber heimtückisch — ähnlich wie der Fuchs. Nicht umsonst heißt es, jemandem etwas abzuluchsen. Der Eurasische Luchs hat mit bis zu 70 cm eine viel größere Schulterhöhe als der im Zoo wohnende Rotluchs, welcher maximal 35 cm groß wird. Der Zooluchs ist also nicht größer als eine Hauskatze und ebenso niedlich. Einprägend ist sein Backenbart und die Pinsel an den Ohren. Beides erlaubt ihm, den Schall von Beutetieren besser einzufangen und diese exakt zu lokalisieren. Auch sein extrem kurzer Schwanz ist auffallend. Der Rotluchs hat seinen natürlichen Lebensraum im Norden Amerikas, von Südkanada bis in die nördlichen Gebiete von Mexiko, in denen sich allerdings weniger Rotluchse tummeln. Dort jagen sie kleinere Tiere wie Kaninchen, Mäuse und Ratten, aber auch Stinktiere und Füchse. Ihm ist es aber auch möglich, mal einen Hirsch zu erlegen, was ihn natürlich zum Jägerfeind Nummer drei macht (nach Wölfen und Füchsen).

Eine faszinierende neue Welt im Zoo

Die Aufmachung des Lebensraumes lässt sich im Zoo nun hervorragend bewundern. Es ist allerdings möglich, den Luchs auch nach einiger Zeit gar nicht zu entdecken. Das ist aber nicht schlimm, denn allein das Beobachten des Geheges zaubert den Betrachter in ferne, nebelige und düstere Wälder, in denen mitnichten Böses geschieht, sondern die Natur ihre volle und herrsche Pracht entfalten kann und fantastische Tierwesen leben.

Tauchen wir also ein in die faszinierende Welt dieser kleinen Raubkatze; lassen wir uns mitnehmen in ihre Welt und uns sensibilisieren für die Schönheit. Nehmen wir die Bürde der Verantwortung auf uns, die Welt und die Tierarten vor der Vernichtung zu retten.

von Manuel Hartmann